Sozial-ästhetische Forschungsperspektive

Der französische Soziologe Michel Maffesoli veröffentlichte 1987 in der Zeitschrift Soziale Welt einen Aufsatz mit dem Titel: „Das ästhetische Paradigma. Soziologie als Kunst“. Der Aufsatz interessierte mich, weil ich Ende der 1980er Jahre begann, mich mit visuellem und audiovisuellem Material als Quelle qualitativer Forschung zu beschäftigen. Maffesoli schrieb es gleich am Anfang: Erkenntnis lässt sich nicht auf Wissenschaft begrenzen, „zumindest nicht auf eine bestimmte Form von Wissenschaft“. Wünschenswert sei ein Wissenschaftsverständnis, das sich mehr intuitiver Methoden bediene. Maffesoli verwies auf Georg Simmel als demjenigen großen Soziologen, bei dem Vorstellungskraft und Intuition die größte Rolle spielten. Es gehe um die Entfaltung einer „ästhetisierenden Soziologie“, um eine ästhetische Einstellung gegenüber den vielfältigen Erscheinungsformen sozialer Wirklichkeit. Das Studium der Gesellschaft beginne mit einer „Deskription ihrer Haut“, mit der Verbindung von Oberflächen- und Tiefenstruktur, die methodologisch dem situativen Wirklichkeitserleben entspreche (Maffesoli 1987, S. 460). Dieser ästhetische Zugang begünstige die Interaktion, ein tastendes Vorgehen, die sinnliche Wahrnehmung. Ähnlich wie Simmel lenkt Maffesoli damit den Blick auf eine Art „mikroskopische Sozialität“, auf die Beschreibung von „Kleinst-Gemeinschaften“, ihren vielfältigen Interaktionen und symbolischen Formen. Nur so sei es möglich, Motivationen aufzudecken, nur so könnten – in der Hervorhebung von Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen – Gruppen und „Typiken“ situationsbezogen analysiert werden (ebd., S. 469).

Maffesoli bewegt sich mit diesem „ästhetischen Paradigma“ in unmittelbarer Nähe phänomenologisch-interaktionistischen Denkens, indem er soziale Wirklichkeit als eine intersubjektive Welt begreift, die auf der Grundlage permanenter Interaktion und Interpretation erst konstituiert wird. Wichtig ist auch seine Betonung der affektiv-emotionalen Dimension – eine Dimension, die in der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung lange Zeit übergangen wurde. Hinzu kommt seine Erkenntnis, dass bildhafte Präsentationsformen in unserer heutigen Gesellschaft eine große Aufwertung erfahren haben.

Mit dieser Sichtweise grenzt sich Maffesoli von einem rein rationalistischen Wissenschaftskonzept ab, läuft aber dabei Gefahr, soziale Wirklichkeit ästhetisch-kulturell zu vereinseitigen. Er befindet sich hier in Nachbarschaft zu manchen postmodernen Studien, welche die Prägekraft sozialer Lebenslagen unterschätzen. Es wäre gerade Aufgabe einer verstehenden Sozialwissenschaft, die Wechselbeziehungen zwischen gesellschaftlichen Symbolangeboten, Formen subjektiver Wirklichkeitserfahrung sowie sozialen Lebenslagen genauer zu durchleuchten. Hierfür ist es notwendig, „ästhetische Intersubjektivität“ auf die Exploration der ästhetischen und sozialen Dimensionen lebensweltlicher Erfahrungen zu beziehen. Diese Forschungsperspektive, die ich als sozial-ästhetische bezeichnen möchte, integriert die wichtige symbolisch-mediale Dimension, vermeidet allerdings ästhetisierende Verkürzungen (Niesyto 2000).

Eine sozial-ästhetische Forschungsperspektive möchte das komplexe Gebilde der sozialen und der ästhetisch-kulturellen Welt, der Kommunikation und der Interaktion von Menschen und Gruppen in gesellschaftlich-medialen Bezügen verstehen. In erkenntnistheoretischer Hinsicht knüpft dieser Ansatz am interpretativen Paradigma qualitativer Sozialforschung an. Bei diesem Paradigma geht es vor allem um das Verstehen subjektiver Sichtweisen und kollektiver Orientierungs- und Deutungsmuster als wesentlicher Teil von Symbolbildungsprozessen. Die spannende Frage ist, wie dieser Prozess der Bedeutungskonstitution, der Prozess der symbolischen Verarbeitung bei den Individuen verläuft, wie das Verhältnis von sozialen Strukturen und symbolischen Formen vermittelt ist. Spannend ist diese Frage deshalb, weil die Art und Weise dieser Prozesse der Symbolbildung und des Symbolverstehens eng mit der Frage nach der Persönlichkeitsentwicklung, der symbolischen Kreativität, der Differenzierung von Geschmack und Stil zusammenhängen. Bourdieu hat genau auf diesen Zentralpunkt mit seiner Habitus-Theorie hingewiesen (Bourdieu 1983). Eine sozial-ästhetische Forschungsperspektive könnte das Habitus-Konzept „beweglicher“ machen, es von seinen klassenmäßig deterministischen Koppelungen lösen – so meine Überlegung, die ich mit dem Konzept von den Symbolmilieus verbinde.


Symbolmilieus

Das Konzept von den Symbolmilieus (Niesyto 1997 und 2002) geht davon aus, dass es nach wie vor unterschiedliche soziale Milieustrukturen gibt, diese jedoch stärker als in der Vergangenheit durch mediale Einflüsse geprägt werden. Der Hinweis auf die schwindende Kohäsionskraft traditioneller schicht- und klassenspezifischer Milieus bedeutet nicht automatisch, dass sich unterschiedliche soziale Lebenslagen im Ozean ästhetischer „Patchwork-Identitäten“ auflösen. Zwar haben sich z.B. Jugendszenen ästhetisch-kulturell vielfältig ausdifferenziert, aber damit ist die Frage nach milieuspezifischen Formen der Aneignung und Erfahrung von Wirklichkeit noch nicht beantwortet. Es geht um das Aufspüren unterschiedlicher Formen und Muster des Sich-in-der-Welt-Bewegens im Zusammenspiel von Wahrnehmung, Fühlen, Denken und Praxis.

Milieubildung vollzieht sich bei Jugendlichen – so die These, die ich in den 1990er Jahren aufstellte – vor allem als symbo­lisch vermittelter Prozess der Stilbildung und Selbstfindung zwischen sozial-­räumlichem Bezogen-Sein und eher me­dienvermittelten „Entgrenzungen“ (Niesyto 1990 und 1991). Es ent­stehen jugendkulturelle Symbolmilieus als neuartige Verbindungen von medienvermittelten Symbolmustern (als medialen Settings) und sozialen Settings der Lebensbewältigung. Die Symbolmilieus basieren auf unterschiedlichen wertbezogenen Deutungs- und Sym­bolmustern, sozial-emotionalen Lebensgefühlen, sozial-räumlichen Orientierungen sowie ästhetisch-kulturellen Vorlieben und Ausdrucksformen:

(1) Dimension gesellschaftlicher Deutungs- und medienästhetischer Angebotsmuster: Relevanz gesellschaftlicher Normen und Werte, ästhetischer Muster und Leitbilder, sozial-moralischer Orientierungen.

(2) Dimension gemeinschaftsbezogener Orientierungen: sozial-emotionale Lebensgefühle und Geschmackskulturen; sozial-räumliche und medienvermittelte Geselligkeits- und Kommunikationsformen.

(3) Dimension ästhetisch-kultureller Aneignungs- und Ausdrucksformen: Ästhetische Vorlieben, Praktiken und Stile bei der Wahrnehmung und der symbolischen Weltaneignung.

Diese (analytischen) Dimensionen sind in sich vielschichtig und miteinander verwoben. Symbolmilieus sind nicht statisch, sondern unterliegen einem dynamischen Entwicklungsprozess. Die Art und Weise, wie Jugendliche ihre Erfahrungen symbolisch verar­beiten und kommunikativ austauschen, drückt sich vor allem in der ästhetisch-kulturellen Dimension aus. Medienangebote werden dabei immer subjektiv angeeignet, d.h. es gibt individuelle und gruppen- bzw. milieuspezifische Bedeutungspotentiale und Aneignungsmuster. Symbolmilieus zu erkunden, heißt deshalb, sich als Pädagoge*in und Forscher*in auf die ästhetisch-kulturelle Praxis sowie Inhalt und Form der Symbolbildung von Jugendlichen einzulassen.

Diese sozial-ästhetische Forschungsperspektive enthält medien-, sozialisations- und symboltheoretische Grundannahmen, die in meinen Publikationen (siehe unten) näher dargestellt werden:

  • zu medientheoretischen Grundannahmen siehe Niesyto 1991 (Kap. 3.3) und Niesyto 2002 (Kap. 1)
  • zu symboltheoretischen Grundannahmen siehe Belgrad/Niesyto 2001 und Niesyto 2001
  • zum Konzept Symbolmilieu (in Auseinandersetzung mit anderen Theoriekonzepten) siehe vor allem Niesyto 2002 (Kap. 2 und 3)
  • zu sozialisationstheoretischen Grundannahmen siehe meine Publikationen unter > Mediensozialisation.

Die sozial-ästhetische Forschungsperspektive ist ein wesentlicher Teil des theoretischen Hintergrunds für den Forschungsansatz > Eigenproduktionen mit Medien, der in mehreren Forschungsprojekten realisiert wurde. Dieser Ansatz macht mediale Eigenproduktionen von Kindern und Jugendlichen zum zentralen Forschungsgegenstand und betont die Entwicklung > visueller Forschungsmethoden, insbesondere einer lebensweltorientierten Bild- und Filmhermeneutik.

Mit der Verbreitung von Digitalmedien und damit verknüpften Produktions-, Kommunikations- und Partizipationsmöglichkeiten hat die Relevanz von medialen Eigenproduktionen sowie von visuellen und audiovisuellen Ausdrucksformen nicht ab-, sondern weiter zugenommen (siehe Internetplattformen wie YouTube, Flickr, Instagram). Eine sozial-ästhetische Forschungsperspektive bietet eine gute Möglichkeit, die medialen Eigenproduktionen und deren kommunikativen (und kommerziellen!) Kontexte in Social Media zu untersuchen.


Publikationen

Publikationen über Forschungsprojekte, an denen ich aktiv beteiligt und in denen die sozial-ästhetische Forschungsperspektive wichtig war, siehe: > Wir machen uns unsere eigenen Bilder > Sozialvideografie > VideoCulture > Children in Communication about Migration.


Vorträge

27.-28-5.2011, Wien: Theorie-Workshop „Zur Bedeutung und Reichweite von Konzepten zum medialen Habitus für die medienpädagogische Theoriebildung“. Veranstalter: Universität Wien, Institut für Bildungswissenschaft. Vortrag: „Anmerkungen zum Konzept ‚medialer Habitus‘ aus mediensozialisationstheoretischer Perspektive“ (27.05.2011).

25./26.06.2004, Ludwigsburg: Fachtagung: „Bildinterpretation“. Veranstalter: Abteilung Medienpädagogik (PH Ludwigsburg) und Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik (Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg). Vortrag: „Der sozial-ästhetische Ansatz der Bildinterpretation – Visuelle Einblicke in Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ (26.06.2004, zusammen mit Peter Holzwarth).

14.-18.07.1999, Antwerpen: Konferenz der International Visual Sociology Association (IVSA). Vortrag: “Youth Research by Video”.

20.-22.03.1998, London: International Conference: „Media 98 – Media, Culture and Education on the Eve of the New Millennium”. Veranstalter: University of London, Institute of Education. Panel “Symbolic Creativity and Youth Media Production”. Vortrag: “Media Education and Forms of Symbolic Processing”.

18.-20.02.1998, Bielefeld: Frühjahrstagung des Zentrums für Kindheits- und Jugendforschung“ zum Thema „Selbstsozialisation, Kinderkultur und Medienforschug“. Vortrag: „Video als Ausdrucksmedium. Zur medienethnografischen Exploration jugendkultureller Symbolmilieus“.

08.-11.06.1997, Ludwigsburg: Deutsch-amerikanisches Symposium „Students at Risk“. Vortrag: „Media Literacy and social-aesthetic Expression: Intercultural Communication by Video“.

19.-22.10.1995, Santa Barbara: 21st Conference om Social Theory, Politics, and the Arts. Panel: Art Without Borders. World-building in the Electronic Enviroment. Vortrag: „The Social Aesthetic Paradigm. Youth Research by Video“.

26.-29.08.1994, Szentendre / Ungarn: Symposium and Exhibition „Visual Talent – Diagnosis and Development“. Vortrag: „Youth Research by Video“.