Medienpädagogik und Politik – quo vadis?

Zunächst positive Ansätze …

Mit dem Medienpädagogischen Manifest (2009) und dem Medienpädagogischen Kongress (2011) wurde im politischen Raum auf Bundes- und Länderebene eine größere Aufmerksamkeit erreicht. Verschiedene Anliegen und Vorschläge der Initiative „Keine Bildung ohne Medien!“ (KBoM) fanden Eingang in bildungspolitische Deklarationen und Beschlüsse. Beispiele:

  • die Niedersächsische Staatskanzlei formulierte 2012 in einem Strategiepapier „Medienkompetenz in Niedersachsen – Meilensteine zum Ziel“ ein Gesamtkonzept für eine phasenübergreifende Lehrerbildung mit einer verbindlichen Festlegung von Mindeststandards einer medienpädagogischen Grundbildung;
  • das Kultusministerium Baden-Württemberg verabschiedete 2011 neue Prüfungsordnungen zur Lehrerbildung, die medienpädagogische Fragestellungen als verbindlichen Bestandteil von mündlichen Abschlussprüfungen festlegten;
  • die Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft des Deutschen Bundestages hielt 2012 im Schlussbericht zum Bereich „Bildung und Forschung“ u.a. fest, dass für die schulische Medienbildung bundesweit einheitlich Mindeststandards zur Medienkompetenz in verschiedenen Altersstufen zu entwickeln sind;
  • die Kultusministerkonferenz verabschiedete 2012 einen Beschluss zur Medienbildung in der Schule/Link, der bezüglich der Lehrerbildung eine verbindliche Verankerung der Medienbildung in den Prüfungsordnungen festlegte, ergänzt um Qualifizierungs- und Fortbildungsangebote zu Medienkompetenz und medienpädagogischen Kompetenzen.

Auszug aus einem Vortrag in Dresden (Horst Niesyto, 20.02.2013) bei der Fachtagung „Profilierung der medienpädagogischen Arbeit in Sachsen“. Es geht um Gelingensbedingungen für eine erfolgreiche Umsetzung von Maßnahmen zur Förderung von Medienkompetenz und Medienbildung im politischen Raum. Angesprochen werden u.a. „Runde Tische“ zur Medienbildung, die Notwendigkeit von interministeriellen Kooperationen, das Erstellen strategischer Rahmenkonzepte und ihrer fortlaufenden Überprüfung. Tonmitschnitt (11:20 min).

In den Folgejahren kam es zwar zu punktuellen Verbesserungen in einzelnen Handlungsfeldern. Die von Ministerien und Gremien angekündigten Ziele und Maßnahmen wurden allerdings nicht breitenwirksam umgesetzt und evaluiert. Die Initiative „Keine Bildung ohne Medien!“ versuchte weiterhin, ein gesellschaftlich breites Bündnis für Medienkompetenzförderung und Medienbildung zu erreichen, beteiligte sich u.a. im Mai 2013 an der Bildungsmediale, formulierte anlässlich der Bundestagswahl 2013 Wahlprüfsteine und wendete sich nach der Bundestagswahl in einem Offenen Brief an CDU/CSU und SPD, die einen neuen Koalitionsvertrag aushandelten. In dem Offenen Brief wurden unter Bezug auf Aussagen in den Wahlprüfsteinen Forderungen formuliert, die sich auf einen Medienbildungspakt, eine nicht-kommerzielle Bildungsplattform, die Qualifizierung pädagogischer Fachkräfte und den Ausbau medienpädagogischer Forschung bezogen.

… dann aber ein reduziertes Verständnis von Medienbildung

Neben der unzureichenden Umsetzung und Evaluation von politischen Beschlüssen (z.B. KMK-Beschluss 2012) war es eine zunehmende Fokussierung auf  „digitale Bildung“, die die positiven Ansätze ins Stocken brachte. Medienbildung wurde von Regierungsparteien und verschiedenen Gremien und Organisationen immer stärker auf Lernen mit digitalen Medien, auf informatische Aspekte (> Medienpädagogik und Informatik) und auf Daten- und Jugendmedienschutz reduziert. Die Gefahr dieser Reduktion zeichnete sich bereits im Berliner Koalitionsvertrag (2013) von CDU/CSU und SPD ab, der bezüglich der Förderung von Medienkompetenz auf eine Reihe von Einzelmaßnahmen setzte, insbesondere im Bereich IT-Infrastruktur und Informatik. Im Zentrum standen die Arbeitswelt, das Fitmachen für die Anforderungen einer „Industrie 4.0“ und der Erwerb von Medienkompetenzen, die auf die Anwendung digitaler Technologien abzielten (vgl. Niesyto 2016).

Die Kultusministerkonferenz legte 2016 einen Entwurf zur Bildung in der digitalen Welt vor. Seitens der Medienpädagogik wurde zwar begrüßt, dass die KMK die Herausforderungen durch den digitalen Wandel benennt und die Orte für Medienbildung über Schule hinausdenkt. Allerdings gab es auch deutliche Schwächen und Probleme im KMK-Entwurf. Kernpunkte der Kritik waren die Reduktion des Medienbegriffs auf Digitalisierung, die Reduktion des Bildungsverständnisses auf Lernen, die Unterschätzung domänenspezifischer, fächerübergreifender Grundlagen von Medienbildung, ein fehlender Kompetenzrahmen für Bildungspläne der Länder und für eine Grundbildung Medien für alle pädagogischen Fachkräfte (vgl. die Stellungnahmen der GMK 2016/Link und der Sektion Medienpädagogik/DGfE 2016/Link). Die finale Fassung des KMK-Beschlusses (2016) griff zwar einzelne Kritikpunkte auf, legte aber kein umfassendes Verständnis von Medienbildung zugrunde, wie dies noch in dem KMK-Beschluss von 2012/Link erkennbar war.

Fehlende Ressourcen für die Qualifizierung medienpädagogischer Fachkräfte

Der Koalitionsvertrag (2018) der von CDU/CSU und SPD getragenen Bundesregierung enthielt an verschiedenen Stellen Hinweise zum Kinder- und Jugendmedienschutz, zur Förderung von Medienkompetenz für alle Bürgerinnen und Bürger, zum Ausbau von außerschulischen Medienprojekten und technischen Infrastrukturen (Lernplattformen, Cloud-Lösungen), zum Aufbau „regionaler Kompetenzzentren für Digitalisierung“ sowie weitere Details (Bundesregierung 2018/Link).

Im Koalitionsvertrag fehlte allerdings die Benennung konkreter Meilensteine für die Umsetzung. Unklar blieb auch die Finanzierung der medienbezogenen Qualifizierung von pädagogischen Fachkräften. Der Verweis auf die Bundesländer genügt nicht. Damit zeichnete sich bereits 2018 ab, dass einseitig Geld in technische Infrastrukturen und Software investiert wird, ohne dass hinreichend geklärt ist, wie die medienpädagogische Qualifizierung einer sehr großen Zahl von pädagogischen Fachkräften in den einzelnen Bildungsbereichen zu gewährleisten und zu finanzieren ist (> Grundbildung Medien; siehe auch die Stellungnahme der GMK 2018/Link).

Eine solche Digitalpolitik ist zugleich Wasser auf die Mühlen jener, die vor der Nutzung digitaler Medien insbesondere in Kindheit und Grundschule massiv warnen. Die wissenschaftlich fundierte Medienpädagogik hat sich stets differenziert und kritisch mit medienbezogenen Problemlagen auseinandergesetzt, aber nie die alarmistischen und pauschalisierenden Szenarien wie „Vorsicht Bildschirm!“, „Digitale Demenz“ oder „Cyberkrank!“ geteilt. Die Herausforderung besteht darin, jenseits einer einseitig technologie- und wirtschaftsorientierten Digitalpolitik und jenseits einer einseitig bewahrpädagogischen und kulturpessimistischen Medienschelte eine kritisch-reflexive und umfassende Medienbildung zu stärken. Dafür bedarf es nicht nur einer funktionierenden technischen Infrastruktur, sondern zugleich einer professionellen Ausbildung des pädagogischen Personals. Alles andere ist bildungspolitisch unverantwortlich und verstärkt vorhandene Bildungsungerechtigkeiten.

Statt „Digitale Bildung“: Stärkung einer umfassenden Medienbildung

„Digitale Bildung“ ist ein griffiges Wort, das für bildungspolitische Arenen tauglich erscheint. Es ist durchaus wichtig, sich Kenntnisse und Kompetenzen bezüglich der digitaltechnischen Basis von Medien und damit verbundenen Strukturen der Verarbeitung und Präsentation von Daten anzueignen. Aber es gibt weder eine digitale Bildungstheorie noch wird „digitale Bildung“ der Vieldimensionalität der pädagogischen Aufgabenstellung gerecht. Immer mehr an den Rand geraten grundlegende Fähigkeiten, die für Bildungs- und Lernprozesse elementar sind, wie z.B. Reflexions- und Kritikfähigkeit, bildungs- und lerntheoretische Grundlagen und elementare pädagogisch-didaktische und medienpädagogische Kompetenzen. So ersetzen z.B. Kenntnisse über digitale Techniken keine basalen Kenntnisse über visuelle und audiovisuellle Medien, ihre ästhetisch-symbolischen Ausdrucks- und Kommunikationsmöglichkeiten (Niesyto 2018).

Eine medienpädagogische > Professionalisierung geht von einem umfassenden Verständnis von Medienbildung und Medienkompetenz aus. Deshalb sind die Forderungen und Vorschläge des Medienpädagogischen Manifests (2009) und des Medienpädagogischen Kongresses (2011) immer noch wichtig. Sie wurden von der medienpädagogischen Community auf dem Hintergrund der gesellschaftlichen Medienentwicklung fortgeschrieben, vor allem mit dem Orientierungsrahmen Medienpädagogik (2017) und einem Addendum zum Manifest (2019, Link). Es ist zu hoffen, dass in den kommenden Jahren eine Engführung auf „digitale Bildung“ seitens der Bildungs- und Wissenschaftspolitik zugunsten eines umfassenden Verständnisses von Medienbildung und Medienkompetenz überwunden wird. Dies muss auch Auswirkungen auf die inhaltlichen Schwerpunkte von Förderprogrammen in Bildung und Wissenschaft haben.

Notwendig ist die Stärkung einer gesellschafts- und medienkritischen Perspektive – gerade in einer Situation, in der Problemfelder der Digitalisierung im Kontext politischer und ökonomischer Interessen immer deutlicher werden. Die Analyse von Strukturaffinitäten zwischen digitalen und kapitalistischen Strukturprinzipien (ausführlich: Niesyto 2019) ist wichtig, um Zusammenhänge zwischen technologischen, ökonomischen und sozialisatorischen Entwicklungen zu erkennen. Sehr kritisch zu bewerten sind in diesem Zusammenhang technologiegetriebene Zukunftsmodelle vom gesellschaftlichen Zusammenleben, die die Vielschichtigkeit des Menschseins letztlich der Präzision algorithmischer Berechnungen und Eindeutigkeiten unterordnen. In dieser Situation geht es schlichtweg um die Frage, ob weiterhin eine Pluralität von Erkenntnisweisen von Wirklichkeit und gesellschaftlichen Entwicklungspfaden existieren wird – oder ob Verengungen auf binäre Modi des Weltverstehens und damit verknüpfte gesellschaftliche Leitbilder forciert werden.

Grenzen der Medienpädagogik

Medienpädagogik wäre heillos überfordert, alles zu kompensieren, was in anderen Bereichen nicht geleistet wird. Es ist wichtig, dass die Zivilgesellschaft den Druck in Richtung Politik und (Internet-)Wirtschaft verstärkt und die strukturellen Rahmenbedingungen deutlich verbessert werden. Hierzu gehören vor allem weitere gesetzliche Regelungen im Bereich Daten- und Verbraucherschutz, um dem massiven Datenmissbrauch entgegenzutreten. Auch steht eine grundsätzliche gesellschaftlich-politische Auseinandersetzung mit dem Datenkapitalismus auf unterschiedlichen Ebenen an. Es geht um die Überwindung einer primär auf die Steigerung von Profitraten ausgerichteten Wirtschaftsweise und um die Förderung sozial-ökologischer Grundsätze in allen Bereichen des Lebens (auch der Wirtschaft). Hierzu gehört auch die Gewährleistung eines öffentlichen Bildungswesen, das eine umfassende Medienbildung als eine Kernaufgabe von Bildung betrachtet und dafür die nötigen Ressourcen zur Verfügung stellt.

Für die Bildungs- und Wissenschaftspolitik wird es entscheidend sein, neben technischen Infrastrukturen vor allem entscheidende Schritte in Richtung einer breitenwirksamen medienbildnerischen Qualifizierung von pädagogischen Fachkräften auf den Weg zu bringen. Die Medienpädagogik hat hierfür seit geraumer Zeit praktikable Vorschläge unterbreitet. Gefragt sind nicht bildungspolitische Reduktionen auf bestimmte Aspekte, sondern ein ausgewogenes Förder- und Rahmenkonzept, welches den Herausforderungen von Mediatisierung und Digitalisierung insgesamt gerecht wird. In diesem Zusammenhang möchte ich auch an den Vorschlag einer Bundesstiftung Medienbildung erinnern, den ich 2012 im Rahmen des Dialog über Deutschlands Zukunft entwickelte (S. 502 f.).


Publikationen

  • Niesyto, Horst (2019): Medienpädagogik und digitaler Kapitalismus. Für die Stärkung einer gesellschafts- und medienkritischen Perspektive. In: Kulturelle Bildung Online. (Erstveröffentlichung in MedienPädagogik, Themenheft Nr. 27 (2017) Link
  • Niesyto, Horst (2018): Under Digital Fire. Herausforderungen für die medienpädagogische Professionalisierung. In: Futurelab Medienpädagogik. Qualitätsentwicklung – Professionalisierung – Standards, hrsg. von Thomas Knaus, Dorothee M. Meister, Kristin Narr. München: kopaed, S. 49-69.
  • Niesyto, Horst (2016): Keine Bildung ohne Medien! – Kritische Medienbildung jenseits funktionalisierender Vereinnahmung. In: Wi(e)derstände. Digitaler Wandel in Bildungseinrichtungen, hrsg. von Thomas Knaus und Olga Engel. framediale Band 5. München: kopaed, S. 17-34.
  • Niesyto, Horst (2017): Politisch-kulturelle Medienbildung stärken! In: Medien – Pädagogik – Gesellschaft. Der politische Mensch in der Medienpädagogik, hrsg. vom JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis. München: kopaed, S. 261-277.
  • Niesyto, Horst (2013): Breites Bündnis für Medienbildung. In: Digitale Schule Österreich, hrsg. von Peter Micheuz, Anton Reiter, Gerhard Brandhofer, Martin Ebner, Barbara Sabitzer: Wien: Österreichische Computer Gesellschaft, S. 11-21.
  • Initiative Keine Bildung ohne Medien!“ (Hrsg.) (2011): Bildungspolitische Forderungen. Medienpädagogischer Kongress 2011. Ludwigsburg, S. 4. (Ergebnisbroschüre zum Kongress 2011, 20 Seiten)