Politisch-kulturelle Medienbildung

„Kein Mensch wird als politisches Wesen geboren; deshalb ist politische Bildung eine Existenzvoraussetzung jeder friedensfähigen Gesellschaft.“  Oskar Negt

In der politischen und in der kulturellen Bildung gibt es jeweils auch Angebote zur Förderung von Medienbildung. In der politischen Medienbildung geht es vor allem um die Verbindung von politischen, medienspezifischen und sozialen Themen und um eine kritische Analyse des Verhältnisses von Politik, Ökonomie und Medien. Ziel ist die Stärkung der politischen Partizipation der Menschen in einer mediatisierten Gesellschaft. In der kulturellen Medienbildung steht ein kreativ-gestalterischer Umgang mit Medien im Vordergrund, auch unter Integration künstlerischer Aspekte aus verschiedenen Kultursparten. Betont werden die ästhetischen Dimensionen von Medien und die Chancen medialer Artikulation in verschiedenen soziokulturellen Kontexten, Bildungs- und Kulturräumen.

Weshalb politisch-kulturelle Medienbildung?

In den 1970er und 1980er Jahren gab es die Bezeichnung politisch-kulturelle Bildung. Ich erinnere mich z.B. an die Zeit, in der ich als Jugendbildungsreferent in Hessen Workshop-Seminare zu Themen einer politisch-kulturellen Jugendbildung durchführte (Auswahl von Veranstaltungsberichten in Lokalzeitungen). Die Bezeichnung „politisch-kulturelle Bildung“ ist inzwischen weitgehend verschwunden. Das hängt meines Erachtens u.a. damit zusammen, dass sich die förderpolitischen Kontexte verändert haben und es Zuordnungen zur politischen oder zur kulturellen Bildung gibt.

Mit Blick auf die pädagogische Praxis finde ich diese Entwicklung bedauerlich, weil es darum gehen sollte, viel stärker die Schnittmengen von politischer und kultureller Bildung zu betonen. Wer z.B. im Bereich der Jugend- und Jugendbildungsarbeit tätig ist, kann immer wieder die Erfahrung machen, dass eine Auseinandersetzung mit politischen Themen gut gelingen kann, wenn diese Themen auf alltägliche Situationen sozialen Handelns bezogen und mit kreativ-gestalterischen Formen der Artikulation und der Kommunikation mit Medien verbunden werden. Deshalb plädiere ich dafür, Formen einer politisch-kulturellen Medienbildung zu stärken. Ich beziehe mich dabei auch auf Erfahrungen, die ich u.a. in dem Landjugendprojekt > „Wir machen uns unsere eigenen Bilder!“ im südhessischen Odenwaldkreis (1986-1989) sowie in dem internationalen Praxisforschungsprojekt  > „VideoCulture“ (1997-2000) machte. Ein Blick auf diverse medienpädagogische Projekte zeigt m.E., dass es nach wie vor viele Schnittmengen zwischen Medienbildung, politischer Bildung und kultureller Bildung gibt (Beispiele zum Bereich medienkritisches Handeln, 2019).

Politisch-kulturelle Medienbildung verknüpft alltags- und gesellschaftsrelevante Themen (im Sinne eines weiten Politikverständnisses) mit unterschiedlichen Formen medienästhetischer Artikulation und Kommunikation. Es geht um die Orientierung an den handlungsleitenden Themen, den Lebensgefühlen und den Positionierungen von Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen. Es geht um die Förderung eigensinniger symbolischer Verstehens-, Produktions- und Artikulationsprozesse mit Medien und um die Förderung medienkritischen Handelns. Und es geht darum, auch durch politisch-kulturelle Medienbldung zur Förderung von Gemeinwohlbewusstein und sozial-ökologischer Nachhaltigkeit beizutragen. Eine Medienpädagogik der Nachhaltigkeit zu entwickeln ist eine Aufgabe, der sich Medienpädagog*innen in den kommenden Jahren in Theorie und Praxis stärker widmen sollten. Dies umfasst auch eine deutliche Weitung des Blicks über Deutschland und Europa hinaus – gerade in kritischer Auseinandersetzung mit verschiedenen Formen eines digitalen Kapitalismus und der Förderung internationaler Netzwerke im Sinne von Critical Media Education.

 


Publikationen

  • Niesyto, Horst (2019): Medienkritik und pädagogisches Handeln. In: Kulturelle Bildung Online. Link Der Beitrag enthält auch eine PDF mit Praxis- und Projektbeispielen zur Medienkritik in pädagogischen Handlungsfeldern. Viele dieser Beispiele verdeutlichen die Verknüpfungsmöglichkeiten von kultureller und politischer Medienbildung.
  • Niesyto, Horst (2017): Kritische Medienpädagogik. In: Kritische Kulturpädagogik, hrsg. von Max Fuchs und Tom Braun. München: kopaed, S. 137-148.
  • Niesyto, Horst (2017): Politisch-kulturelle Medienbildung stärken! In: Medien – Pädagogik – Gesellschaft. Der politische Mensch in der Medienpädagogik, hrsg. vom JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis. München: kopaed, S. 261-277.
  • Niesyto, Horst (2016): Perspektiven der Medienbildung in einer digitalisierten Gesellschaft. Zur Geschichte und aktuellen Herausforderungen einer politisch-kulturellen Medienbildung. In: Journal für politische Bildung, Ausgabe 1 (2016), S. 16-24. Preprint
  • Niesyto, Horst (2016): Keine Bildung ohne Medien! – Kritische Medienbildung jenseits funktionalisierender Vereinnahmung. In: Wi(e)derstände. Digitaler Wandel in Bildungseinrichtungen, hrsg. von Thomas Knaus und Olga Engel. framediale Band 5. München: kopaed, S. 17-34.

 


Teilnahme an Fachtagungen

  • 20.06.2019, Genshagen: Fachtagung „Virtuell, vernetzt, analog“ der Stiftung Genshagen. Teilnahme an der Podiumsrunde über „Digitale Zukunft: Welche Rolle spielen Künste, kulturelle und politische Bildung?“  Tagungsdokumentation
  • 29.04.2017, München: Symposium „Medien – Pädagogik – Gesellschaft. Der politische Mensch in der Medienpädagogik“. Das Symposium fand anlässlich der Verabschiedung von Prof. Dr. Bernd Schorb als langjähriger Vorsitzender des Vereins „JFF – Jugend Film Fernsehen e.V.“ statt. Statement auf dem Symposium (Tonmitschnitt, 09:30 min)
  • 15.03.2017, Stuttgart: 40. Stuttgarter Tage der Medienpädagogik: „Facing the Future – Perspektiven der Medienpädagogik in einer digitalisierten Welt“. Plenumsvortrag: „Macht der Internetkonzerne – Ohnmacht der Medienpädagogik?“; Dokumentation des Vortrags: > Digitaler Kapitalismus (unter „Vorträge“)

 


Weitere Dokumente

Der Artikel fasst die Erfahrungen eines medienpädagogischen Landjugendprojekts zusammen. Unter der Leitidee „Wir machen uns unsere eigenen Bilder!“ entstanden ca. 30 mediale Eigenproduktionen, die sich mit der Freizeitsituation von Jugendlichen in Dörfern, mit ihren Medienwelten und der regionalen Jugendszene auseinandersetzten. Gerade das Öffentlichmachen dieser Produktionen half den Jugendlichen, ihre Anliegen – z.B. die Forderung nach Jugendtreffpunkt – im  lokalen Sozialraum bekannt zu machen. Die Chancen einer lebensweltorientierten Medienarbeit werden in dem Artikel an einem Praxisbeispiel verdeutlicht.

Der Artikel entstand in Zusammenhang mit dem GMK-Jahresforum 2003, das zum Thema „Media Art meets Media Education“ in Potsdam stattfand. Ich hatte damals die Idee zur Tagung entwickelt und die Veranstaltung mit vorbereitet. Der Beitrag skizziert die Gründe, weshalb eine stärkere Zusammenarbeit von Medienkunst und Medienpädagogik sinnvoll ist. Als ein Punkt wird auf die Notwendigkeit von Medienkritik hingewiesen, gerade mit Blick auf gesellschaftliche Medienentwicklungen und damit verknüpfte medienästhetische und medienpolitische Prozesse.

  •  Interview mit der Medienkünstlerin Gina Lamb aus Los Angeles (2003)

Im Rahmen einer Konferenz- und Vortragsreise in Kalifornien (Niesyto 1995) lernte ich 1995 Gina Lamb kennen, die als Medienkünstlerin und Pädagogin in verschiedenen Projekten im Großraum Los Angeles arbeitete. Mich begeisterte, wie sie zusammen mit Jugendlichen video documentaries, video diaries und Multimedia-Produktionen zu lokalen, persönlich und politisch relevanten Themen erstellte. Wir arbeiteten dann im internationalen Projekt VideoCulture zusammen. Das Interview entstand in Zusammenhang mit ihrer Teilnahme an der Abschlusstagung des Projekts und gibt einen Einblick in ihre damalige Arbeit in Los Angeles. Das Interview erschien in einer Projektdokumentation zu „VideoCulture“ (vgl. Niesyto 2003; Buch mit CD-ROM). Website von Gina Lamb