Grundbildung Medien für alle pädagogischen Fachkräfte

Die Herausforderung

Angesichts der medialen Durchdringung aller Lebensbereiche stellt sich die Frage, wie pädagogische Fachkräfte qualifiziert werden können, um Kinder, Jugendliche und Erwachsene für einen kompetenten Medienumgang zu unterstützen. Der Medienpädagogische Kongress, an dem 2011 in Berlin über 400 Fachleute aus Bildung, Wissenschaft und anderen gesellschaftlichen Bereichen teilnahmen, stellte in diesem Zusammenhang eine zentrale Forderung auf:

„Von entscheidender Bedeutung ist die Verankerung einer medienpädagogischen Grundbildung als verbindlicher und prüfungsrelevanter Bestandteil in allen pädagogischen Studiengängen und Ausbildungsbereichen. Dafür sind medienpädagogische Professuren mit entsprechender Infrastruktur auszubauen. Weiterhin sind medienpädagogische Themen als verpflichtende Inhalte in der Fort- und Weiterbildung in allen Bildungsbereichen festzuschreiben und durch Medienkompetenzportfolios, Zertifikate und Zielvereinbarungen zu sichern.“ (Kongress-Dokumentation 2011, S. 5)

Die Forderung nach einer medienpädagogischen Grundbildung bezieht sich nicht nur auf die Lehrerbildung, sondern auf alle pädagogischen Studiengänge, also z.B. auch auf die frühkindliche Bildung, die außerschulische Bildung, die Erwachsenen- und Seniorenbildung, die Sozialpädagogik.

Kompetenzbereiche einer Grundbildung Medien

In der Kongress-Dokumentation (2011) wurden auf S. 14 die Kompetenzbereiche zusammengefasst. Die folgenden Folien sind aus einem Vortrag über „Grundbildung Medien“, den ich bei dem Fachaustausch der GMK Baden-Württemberg am 30.10.2014 im Evang. Medienhaus in Stuttgart hielt:

Folie aus dem Vortrag von Horst Niesyto auf dem GMK-Fachtreffen 2014 in Stuttgart
Folie aus dem Vortrag von Horst Niesyto auf dem GMK-Fachtreffen 2014 in Stuttgart

Entwicklungsstand

Auf dem Internetportal der Initiative „Keine Bildung ohne Medien!“ (KBoM) ist der bisherige Entwicklungsstand der Forderung nach einer Grundbildung Medien dokumentiert. Nach dem medienpädagogischen Kongress (2011) griffen verschiedene Gremien den Vorschlag einer medienpädagogischen Grundbildung auf. In einzelnen Bereichen gab es Fortschritte:

  • Zwischenbilanz der Initiative KBoM (2012)
  • Auszug aus einem Vortrag in Dresden (20.02.2013) bei der Fachtagung „Profilierung der medienpädagogischen Arbeit in Sachsen“ zur Resonanz auf den Vorschlag einer medienpädagogischen Grundbildung im politischen Raum; Tonmitschnitt (09:07 min):
Titelseite des Sammelbandes "Grundbidlung Medien in pädagogischen Studiengängen"

Der Sammelband Grundbildung Medien für alle pädagogischen Fachkräfte vermittelt einen Einblick in die Konzeptionsdiskussion und die Lehrpraxis an verschiedenen Hochschulen und pädagogischen Studiengängen:

  • Wie kann eine Grundbildung Medien im Studium verbindlich verankert werden?
  • Was können die Erziehungswissenschaften und die verschiedenen Fachwissenschaften / Fachdidaktiken zu einer Grundbildung Medien jeweils beitragen?
  • Welche Konzepte und curricularen Überlegungen sind hierfür vorhanden? Welche Entwicklungsperspektiven zeichnen sich ab?

Neben der erziehungswissenschaftlich fundierten Medienpädagogik akzentuiert der Band exemplarisch Sichtweisen aus sprachlichen (Deutsch, Englisch), künstlerischen (Kunst, Musik), geisteswissenschaftlichen (Philosophie/Ethik), gesellschaftswissenschaftlichen (Geschichte, Geographie, Politik) und naturwissenschaftlichen Fächergruppen (Biologie, Physik). Der Schwerpunkt liegt im Bereich der Lehrerbildung, ergänzt um Beiträge zur Situation in Studiengängen zur frühkindlichen Bildung, zur Erwachsenenbildung, zur Sozialen Arbeit sowie zu speziellen Aufgabenfeldern (akademische Medienkompetenz, Filmbildung und inklusive Bildung). Mehrere Beiträge betonen deutlich die Notwendigkeit, Mindeststandards einer Grundbildung Medien zu formulieren.


Fortschritte sind möglich …

In Baden-Württemberg hatte sich die Landesfachschaft Medienpädagogik bereits 2006 in einer Stellungnahme für eine medienpädagogische Grundbildung in der Lehrerbildung ausgesprochen. Die Landesfachschaft konkretisierte ihre Vorschläge  in der Ludwigsburger Erklärung (2008) und in einem Entwurf für ein Grundlagenmodul Medienbildung (2009). Nach der Novellierung der Studien- und Prüfungsordnungen im Lehramtsbereich (in Baden-Württemberg) gelang es an der PH Ludwigsburg, im erziehungswissenschaftlichen Studienangebot eine medienpädagogische Einführungsveranstaltung für alle Studierenden verbindlich zu verankern (siehe Niesyto 2014). Bei der Umstellung der gesamten Lehrerbildung auf Bachelor- und Master-Strukturen konnte diese verbindliche Einführungsveranstaltung beibehalten werden. Gleichzeitig wurde seit 2012 in einer Kooperation zwischen der Abteilung Medienpädagogik und zahlreichen anderen Abteilungen an der PH Ludwigsburg ein Studienprofil Grundbildung Medien entwickelt, das viele Studierende nutzen (Trüby 2017: Evaluation zum Studienprofil, Link).

Gesamtsituation ist eher ernüchternd

Insgesamt betrachtet ergreifen wichtige Akteure an den Hochschulen und den zuständigen Wissenschaftsministerien bislang leider keine Maßnahmen, um die Rahmenbedingungen insbesondere im Personalbereich deutlich zu verbessern (> Medienpädagogik und Politik). In dieser Situation kommt es darauf an, weiterhin im (bildungs)politischen Raum mit der fachlichen Expertise präsent zu sein und gleichzeitig an den einzelnen Hochschulen zu versuchen, Verbesserungen z.B. bei der Neubesetzung von Stellen oder der (Re-)Akkreditierung von Studiengängen zu erreichen. Die Sektion Medienpädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) verabschiedete 2017 einen Orientierungsrahmen Medienpädagogik. Darin steht:

„Für die Verankerung einer Grundbildung Medien empfiehlt die Sektion Medienpädagogik den Hochschulen insbesondere im Bereich der Lehramtsstudiengänge die Kooperation von Erziehungswissenschaft/ Bildungswissenschaft mit interessierten Fachwissenschaften/-didaktiken, um hierüber medienbezogene Studienangebote in erziehungswissenschaftlichen bzw. Pädagogik-Studiengängen zu einem Profilstudium „Grundbildung Medien“ zu bündeln. Gerade für Lehramtsstudiengänge ist die Sicherung einer hinreichenden medienpädagogischen Kompetenz von herausragender Bedeutung – bietet doch allein die Schule die Möglichkeit, alle Kinder und Jugendlichen zu erreichen. Die Sektion wird Modelle und Erfahrungen aus verschiedenen Hochschulstandorten auf einer Plattform zugänglich machen.“ (S. 6)

Die Hochschulen benötigen erheblich mehr Ressourcen, damit sich Studierende durch professionelle Angebote Medienkompetenzen und vor allem medienpädagogische Kompetenzen aneignen können. Hierfür sind Erfahrungs- und Reflexionsräume für die Auseinandersetzung mit Grundfragen zu Bildung und Lernen (und damit verknüpften Deutungs- und Orientierungsmustern bei Studierenden) sowie ein erprobendes und experimentelles Handeln mit digitalen Medien notwendig. Medienbildungsprozesse dürfen nicht in ein engmaschiges curriculares Korsett von „Digitalkompetenzen“ gezwängt werden. Auch kann es nicht darum gehen, Handlungsorientierung mit der Vermittlung von „Handlungsrezepten“ zu verwechseln. Eine wissenschaftlich fundierte Handlungsorientierung bedarf der Förderung analytischer und reflexiver Kompetenz in Verknüpfung mit verschiedenen Fachkompetenzen, um die pädagogische Praxis (selbst)kritisch beobachten, reflektieren und weiterentwickeln zu können.


Zentrale Punkte für die Umsetzung einer Grundbildung Medien

  1. Eine Grundbildung Medien für alle Pädagogik-Studierende orientiert sich an einem umfassenden Verständnis von Medienbildung und Medienkompetenz (siehe KBoM 2011; Sektion Medienpädagogik 2017).
  2. Wer die Einschätzung teilt, dass alle Pädagogik-Studierende über eine Grundbildung Medien verfügen sollten, der kommt nicht umhin, Hochschulen genügend Personal und Sachmittel zur Verfügung zu stellen. Hier besteht ein sehr großer Handlungsbedarf.
  3. An Hochschulen lässt sich eine Grundbildung Medien vor allem durch die Kooperation von Bildungswissenschaften und Fachdidaktiken/-wissenschaften realisieren. Angebotsstrukturen sind auch auf dem Hintergrund der jeweiligen lokalen Profile zu entwickeln. Vorhandene Modelle sind verstärkt zu dokumentieren und zum Gegenstand des fachlichen Austauschs zu machen. Hier kommt der Sektion Medienpädagogik eine Initiativfunktion zu, auch mit Unterstützung durch Fördermittel seitens des BMBF.
  4. Bezüglich > schulischer Medienpädagogik zeigen die Erfahrungen, dass eine rein fächerintegrative Perspektive nicht ausreicht, um Medienbildung – auch im Kontext des digitalen Wandels – breitenwirksam und nachhaltig an Schulen zu verankern. Es ist notwendig, dass Medienbildung (mit informatischen Anteilen) neben einer Grundbildung (für alle Studierende) längerfristig auch als wählbares Fach in das grundständige Studienangebot integriert wird, damit an Schulen auch Fachlehrkräfte mit einem vertieften Medienwissen für einen Lernbereich Medienbildung vorhanden sind.

Das Thema „Grundbildung Medien“ ist auch Teil eines Interviews, das mit mir im Rahmen des GMK-Forum 2017 in Frankfurt/Main geführt wurde. > Videomitschnitt (ca. 14 min, durch das Abspielen des Videos oder Anklicken des Links werden Daten an YouTube übermittelt).

Keine Bildung ohne Medien – Grundbildung Medien für alle! (2018): Auszug aus einem Statement für einen medienpädagogischen Online-Kurs der Virtuellen Hochschule Bayern (03:51 min)


Publikationen

  • Imort, Peter / Niesyto, Horst (Hrsg.) (2014): Grundbildung Medien in pädagogischen Studiengängen. Schriftenreihe Medienpädagogik interdisziplinär, Band 10. München: kopaed. ISBN: 978-3-86736-199-6 (370 Seiten). Link  Darin folgende Beiträge:
  • Niesyto, Horst (2012): Medienpädagogik in der Lehrerbildung in Baden-Württemberg. Konzeptionelle Überlegungen und praktische Schritte zu einer medienpädagogischen Grundbildung. In: Jahrbuch Medienpädagogik 9, hrsg. von Renate Schulz-Zander, Birgit Eickelmann, Heinz Moser, Horst Niesyto, Petra Grell. Wiesbaden: VS-Verlag, S. 333-357.
  • Niesyto, Horst (2009): Medienpädagogische Grundbildung für Lehramtsstudierende an den Pädagogischen Hochschulen in Baden-Württemberg. In: Onlinemagazin Ludwigsburger Beiträge zur Medienpädagogik, Nr. 12 (2009) (4 Seiten). Link